Elex – Auf die Fresse in der Post-Post-Apokalypse

Piranha Bytes. Bei diesem Namen kommen bei den meisten Rollenspielfans wohlige Erinnerungen auf: Denn die Spieleschmiede aus dem Ruhrpott kann sich nichts weniger auf die Fahne schreiben, als eine der großartigsten Rollenspielserien Deutschlands aus der Taufe gehoben zu haben. Natürlich, wir reden von Gothic. Dem Auf-Die-Fresse-Spiel schlechthin, und zwar nicht nur auf den Schwierigkeitsgrad bezogen. Auch verbal gab es auf die Fresse und anfangs auch häufig von der, sagen wir mal… gewöhnungsbedürftigen Standardsteuerung auf der Tastatur. Aber auch später hat sich Piranha Bytes nicht lumpen lassen und mit Risen direkt die nächste dreiteilige Rollenspielsaga nachgelegt. Und dann kam erstmal lange nichts. Drei Jahre um genau zu sein. Bis jetzt. Bis Elex.

 

Genremix mit Charme und Schwächen

Elex. Das ist nicht nur ein neues Piranha Bytes Spiel, nein, das ist auch ein Experiment. Was auf den ersten Blick wie der Versuch wirkt in die erfolgreiche Kerbe zu schlagen, die Horizon: Zero Dawn im Februar hinterlassen hat (was natürlich Quatsch ist, die Elex-Macher arbeiten ja auch nicht erst seit einem halben Jahr an ihrem Spiel), ist ein Genre-Mix, der mich erstmal ziemlich ratlos zurück gelassen hat.

Elex spielt in der Zukunft. In einer Zukunft, in der ein verheerender Krieg die Welt zerstört hat und sich die wenigen Überlebenden eine neue Existenz aufgebaut haben. Das ist ja nun erstmal nicht sonderlich originell: an solchen postapokalyptischen Szenarien mangelt es in der Welt der Videospiele nicht. Allerdings gibt es da einen wesentlichen Unterschied, der Elex von anderen Endzeitspielen wie Fallout unterscheidet: Denn die Menschen haben sich nach dem Untergang ihrer Zivilisation keineswegs brav dem Rollenspielklischee gebeugt und sind ins dunkle Mittelalter oder in Mad Max artige Zustände zurück gefallen. Nein, die haben sich nämlich gedacht: „Warum können wir denn nicht beides machen?

 

Skeptisch gucken können sie alle: Die NPCs in Elex scheinen manchmal doch ein bisschen zu tief in die Klischeekiste geschaut zu haben.

 

Und das haben sie dann auch: In Elex bekommt man alles um die Ohren gehauen, was nicht bei 3 auf dem Rollenspielbaum ist. Man startet im Gebiet einer wikingerartig anmutenden Gesellschaft, die Technik komplett ablehnt und quasi die Fantasy-Rollenspiel-Blaupause in fellbehangener Person ist, kommt aber relativ schnell auch mit hightech Gläubigen, die mit ihren Energiewaffen das Wort ihres Gottes verbreiten oder super coolen und rebellischen Outlaws in Berührung, die eigentlich alles scheiße finden und manchmal schon ein wenig wie pubertäre Teenager wirken. Es ist also eher eine Post-Post-Apokalypse. Und heutzutage gilt ja nun mal eh: Je mehr Post, desto besser. Postmoderne, Postironie, also warum dann nicht gleich doppelt.

In dieses Chaos wird man hinein geworfen, und braucht erstmal eine ganze Weile, um zu verstehen was gerade passiert. Und das Spiel macht es einem nicht leicht: Zwar gibt es am Anfang ein paar Hinweise wie die grundlegende Steuerung funktioniert, allerdings wird einem bereits bei den ersten paar Ratten, die sich einem entgegen stellen, gezeigt wo der Frosch die Locken hat. Denn Elex ist schwer. Echt schwer. Nicht Dark-Souls-schwer, aber durchaus fordernd. Und da hilft das gewöhnungsbedürftige Kampfsystem auch nur bedingt: Zwar haben wir es hier nicht mit einer Gothic-ich-hebe-mit-völlig-absurden-Fingerverrenkungen-Sachen-auf-Steuerung zu tun, aber wirklich intuitiv ist sie auch nicht. Es kommt bei Elex nämlich sehr aufs Timing an: Normale Schläge verursachen kaum Schaden, nur wer mehrmals hintereinander einen Treffer landen kann, kann auch ordentlich austeilen. Das wissen die Gegner im Spiel aber mit ihrem ziemlich zufälligen Moveset häufig sehr gut zu verhindern.

 

Trotz der eingeschränkten Grafik überzeugt Elex, dank Detailreichtum, mit stimmigen Bildern.

 

Und auch die Grafik macht es einem nicht leicht. Elex sieht zwar auf keinen Fall schlecht aus, und auch der Stil hat seinen Charme, aber man merkt doch sehr deutlich, dass wir es hier nicht mit der allerneusten Top-Engine zu tun haben. Aber mal ganz ehrlich. Wie viele Leute arbeiten bei Piranha Bytes? 20? Da wird man über die paar Pixel ja wohl mal hinwegsehen können. Das einzige, was auf Dauer wirklich nervt, ist der dauerskeptische Blick unseres Helden, der dadurch eher wie die Karikatur eines 80er Jahre Action Helden aussieht als der knallharte Typ der er ist. Der Typ, der sich, hintergangen von seinem eigenen Volk, einer Rasse emotionsloser Bleichgesichter, die die post-post-apokalyptische Welt unterjochen will, durch Horden von Wikingern, Outlaws, Future-Mönchen und natürlich ordentlich Getier schnetzeln muss um seine ganz persönliche Rache zu üben.

 

Fazit

Aber passt das zusammen? Ist das nicht nur ein wilder Mix aller möglicher Genres, bei dem von allem ein bisschen aber insgesamt nicht viel rum kommt? Nun: ja. Und nein. Also… Vielleicht. Am Anfang wirkt das ganze noch sehr zusammen gewürfelt und man weiß nicht so recht, wie man damit umgehen soll. Aber ich muss zugeben: Nach ein paar Stunden teilweise haarsträubend unfairer Kämpfe und gleichsam haarsträubend unfreundlicher Worte (Man wird quasi von allem und jedem beleidigt. Es ist eine sehr schlecht gelaunte Welt da draußen auf Magellan) habe ich mich ein bisschen in diesen schrulligen und unhandlichen Rollenspiel-Giganten verliebt und kann daher gar nicht anders, als eine Empfehlung für alle diejenigen auszusprechen, die sich nicht davor scheuen, erst einmal mit einem Spiel warm werden zu müssen. Und für Piranha Bytes Fans sowieso. Denn in Elex spürt man an jeder Ecke das, was die Spiele der Jungs und Mädels so liebenswert macht: Ehrliches Hau-Drauf und derbe Dialoge. Diesmal eben in der Post-Post-Apokalypse.

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