Black Mirror – Fluch oder Segen?

Veteranen und Fans von Point & Click Adventures werden es sicherlich noch kennen: Das 2004 in Deutschland erschienene Black Mirror (nicht zu verwechseln mit der aktuell sehr erfolgreichen Netflix-Serie). Ein Adventure in (für damalige Verhältnisse) ziemlich schicker Halb-3D-Ansicht, mit grandioser Synchronisation (unter anderem David Nathan, der deutschen Stimme von Johnny Depp) und einer vielleicht nicht perfekt geschriebenen, aber durchaus atmosphärischen Gothic-Mystery-Story.

Zwei Fortsetzungen brachte Black Mirror hervor, beide zwar nicht überragende, aber solide Adventures. Und heute, genauer gesagt im November letzten Jahres, versucht sich der Entwickler King Art an einem Reboot der Serie.

Zurück bei den Gordons

In alter Tradition geht es auch im neuen Black Mirror um die Familie Gordon, einem alten Adelsgeschlecht, das seit jeher über die britischen Inseln verstreut in angestaubten Schlössern haust.

Dieses Mal führt uns das ganze nach Schottland, wohin der junge David Gordon reist um die Angelegenheiten seines verstorbenen Vaters zu regeln. Soweit so Black Mirror. Angekommen im Schloss wird der junge Gordon ziemlich kühl empfangen, und es stellt sich ziemlich schnell heraus, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zu geht.

Also machen wir uns mit dem Protagonisten auf, das alte Schloss zu erkunden, und es wird schnell klar, dass es sich beim neuen Black Mirror keineswegs um ein klassisches Point & Click Adventure handelt.

Kameraperspektiven aus der Hölle

Das macht sich zunächst bei der grafischen Umsetzung bemerkbar: Anders als in den alten Teilen haben wir es hier mit vollwertiger 3D-Grafik zu tun, die zwar nicht State of the Art, aber zumindest bezogen auf die Gestaltung des Schlosses ganz hübsch ist. Nur die Charaktere sind anscheinend direkt aus der Puppenkiste gestiegen: Die Bewegungen wirken hölzern, von Mimik keine Spur, und an Ecken bleiben sie teilweise auch hängen.

Das größte Problem an der Grafik ist allerdings, dass wir nicht (was naheliegend gewesen wäre) in 3rd-Person-Sicht mit David die düsteren Gemäuer erkunden, sondern in Resident-Evil-mäßigen halbfesten Kamera-Perspektiven, die, je nachdem wo man hinläuft, radikal die Perspektive wechseln und es damit häufig ziemlich schwierig machen, sich in dem alten Schloss zu orientieren (geschweige denn Gegenstände zu finden). Hier kommen zwar teilweise Erinnerungen an den ersten Teil der Reihe auf (der mit ähnlich kruden Perspektiven aufwartete), allerdings hätte ich auf diese auch gerne verzichten können.

 

Die Kameraperspektiven machen es häufig schwer, sich zu orientieren.

Willkommen beim Talking-Simulator

Auch die Spielmechanik erinnert nur noch ganz entfernt an ein klassisches Point & Click Adventure. Zwar sammelt man immer noch Gegenstände (die Gott sei Dank meistens markiert sind, siehe Kameraperspektive) um diese dann irgendwo zu verwenden, allerdings macht es einem das Spiel da etwas sehr einfach: Man muss nicht mehr überlegen, welchen Gegenstand man jetzt wo benötigt. Nein, wenn man zum Beispiel einen Draht gefunden hat und an einer verschlossenen Tür vorbei kommt, nimmt uns David diese Kombinationsaufgabe ab und bietet uns direkt die Option, die Tür mit dem Draht zu öffnen.

Dieses Feature hat zur Folge, dass man im Spiel eigentlich nur noch unterwegs ist um alles aufzusammeln was man findet, ohne sich groß darüber Gedanken zu machen, ob und wo man den Kram denn nun braucht, nur unterbrochen durch ein paar sporadisch auftretende „Ich muss Runen in die Richtige Reihenfolge bringen“-Rätsel.

Das wäre alles auch gar nicht so schlimm, wäre der Adventure-Part wenigstens der Hauptbestandteil des Spieles. Das ist er aber nicht: Denn die meiste Zeit verbringt David damit, zu quatschen. Und zwar lange. Und mit jedem. Egal was im Spiel passiert, David muss das erstmal mit jemandem besprechen. Dabei haben die Gesprächsoptionen nicht einmal irgendwelche Konsequenzen, sondern dienen nur dazu, irgendwie die Handlung weiter zu stricken.

Allerdings hört man den Gesprächen, trotz der hölzern und emotionslos wirkenden Gesichter der Charaktere, meist gerne zu. Dies liegt nicht zuletzt an der, wieder einmal sehr gelungenen, Synchronisation. Die Rolle des David Gordon wird zum Beispiel von Martin Sabel gesprochen, den man nicht nur als Werbesprecher sondern auch aus Fallout 4 oder Bloodborn kennt.

 

Die Dialogoptionen im Spiel sind sehr simpel gehalten

Alles Mist? Mitnichten!

Apropos Handlung: Wer bereits die alten Teile der Serie gespielt hat, weiß ziemlich schnell worauf das ganze hinaus läuft. Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber der alte „Fluch der Gordons“ macht anscheinend auch vor der schottischen Landesgrenze nicht halt.

Das klingt jetzt natürlich alles so, als wäre Black Mirror furchtbar. Und ja, es hat Schwächen: Es ist kaum anspruchsvoll, hat schreckliche Kameraperspektiven und es wird zu viel geredet. Aber eines muss gesagt sein: Es ist immer noch ein gutes Spiel.

Ich wollte das ganze nur kurz antesten um diesen Artikel zu schreiben, und habe am Ende 4 Stunden lang Gegenstände gesucht und mit Schlossbewohnern gequatscht. Denn wenn man sich erstmal an all die Dinge gewöhnt hat, die ich hier angesprochen habe, entwickelt Black Mirror tatsächlich eine ähnliche Stimmung und Atmosphäre wie die alten Spiele. Dieses angenehm Mystische, nie wirklich Gruselige, aber Unheimliche. Und dafür braucht es erstaunlicherweise keine clever erzählte Geschichte oder herausragende Spielmechanik. Wer allerdings ein anspruchsvolles Adventure mit gut durchdachten Rätseln erwartet, wird bei diesem Reboot wohl eher enttäuscht sein.

Aber obwohl man tatsächlich an einigen Stellen den Löffel abgeben kann (eine schöne Hommage an die alten Teile), ist Black Mirror perfekt für einen gemütlichen Abend, an dem man sich einfach ein bisschen von Groschenroman-Gothic berieseln lassen möchte.

 

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